ianinailitcheva

Baby, ich bin all das, was der Arzt dir verboten hat!

Ianina Ilitcheva wurde am 4. Dezember 1983 in Angren, Usbekistan geboren. Sie kam mit einer schweren, seltenen Hautkrankheit auf die Welt, weswegen sie 1991 mit ihrer Mutter nach Österreich zog, da hier die Behandlungsmöglichkeiten fortgeschrittener waren. Allerdings ließ sie sich nie von ihrer Krankheit limitieren – ganz im Gegenteil: sie lebte unablässig radikal empfindsam, hungrig und selbstbestimmt, war stets auf Suche nach dem Schaumkraut am Wegesrand. Nach ihrer Matura studierte sie erst Malerei an der Akademie der Bildenen Künste, mit einem Auslandaufenthalt am Goldsmith College of Art in London, sowie ab 2013 am Institut für Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst.

Ianina Ilitchevas künstlerische Produktion war extrem vielfältig, aber nie willkürlich. Malerei und Zeichnung, Skulptur und Fotografie, Video und Performance: sie besaß die Gabe, Alltägliches und scheinbar Nebensächliches in ärgstes Dasein zu transformieren – und erschuf so Perspektiven skurillster Schönheit – widerständig und undogmatisch, ewig auf der Suche nach neuen Formen und Verfahren. Ianina Illitcheva versuchte und verwarf, verwandelte, fluchte und hexte, kuratierte und publizierte, ohne es dabei je auf easy Zufriedenheit oder billigen Fame abgesehen zu haben. Anschließend geisterte sie gerne alleine durch die Bars dieser Stadt; manchmal hielt sie dabei plötzlich eine Lammkeule in der Hand.

2015 erschien, basierend auf ihrer Diplomarbeit an der Akademie der Bildenen Künste, ihr transmediales Buchprojekt 183 Tage, in welchem sie sich versuchsartig mit Isolation, sozialem Begehren und den Abläufen kreativer Prozesse auseinandersetzte. Im gleichen Jahr drehte sie mit Felix Hermann und Jakob Defant in Marroko und Wien den experimentellen Dokumentarfilm Rohdiamanten. Und als @blutundkaffee war sie seit einigen Jahren eine lyrische Ikone, der schönste Geist der deutschprachigen Twitteria – übertriebener Pathos, hohler Zynismus und Blasiertheit waren ihr dabei aber fremd; alles geschah mit dieser bitterernst funkelnden Leidenschaft, die so viele von uns in ihren Bann zog.

Aber Ianina Ilitcheva war nicht bloß Künstlerin und Autorin. Sie war auch eine begnadete Gärtnerin und Köchin, Gourmet, Aktivistin und Schamanin, große Liebe, Freundin und Blutsschwester, post-theoretische Physikerin, Guru, Energydrinkjunkie, Tänzerin und Fels in der Brandung. Ihre Gartenpartys im 22. Bezirk sind Legende, und es gibt niemanden, den sie nicht unter den Tisch trinken konnte (und es auch tat). Vor allem aber war es ihre unschlagbar krasse Offenheit, Empathie, Hilfsbereitschaft und diese bedingungslose Liebe zum Dasein, die so viele uns verzauberte und immer und immer wieder inspirierte und größer machte; das gute Gegenteil von Aufgeben.

Die Ärzte hatten damals ihrer Mutter prophezeit, ihr Kind würde mit ziemlicher Warscheinlichkeit nicht besonders lange Leben; höchstens ein paar Jahre alt werden. Aber als Ianina Ilitcheva 30 wurde, gab es Wodkashots und Sushi serviert auf nackten Männerkörpern. Wie sehr sie sich freuen konnte, verdammt. Und wie sehr sie uns die leuchtenden Schattenseiten gezeigt, und uns angetrieben hat… egal, was die Metastasen machten.

Ianina Ilitcheva starb am 20.12.2016 im Kreis ihrer Liebsten. Aber das war nur ihre Hülle, oida – ihren Spirit spüren wir mit jedem Windzug und zwar für immer und bis bald. Schaumkraut, Wolke und Licht. Und jetzt can everybody please just get down?

Wer sich von Ianina Ilitcheva verabschieden möchte, kann das am 29.12. um 13 Uhr in der Feuerhalle Simmering tun.

(Rick Reuther)