Die Dings, die Dings, die Contenance, Norbert Kröll

Dass Sie mich fragen. Das ist. Ich bin höchst zerstreut. Stimmt so nicht. Es heißt erfreut. Stimmt. Entschuldigen Sie. Die Wörter. Sie hören sie. Wollen nicht direkt aus dem Loch heraus, aus meinem Mundloch. Über Umwege kommen sie. Nichts mehr direkt sagen, nichts mehr. Herzlich willkommen.
Und Sie wünschen, dass ich berichte von dem Dings, diesem Dings, dem Vorfall. Gutgut. Von Beginn an klare Verhältnisse schaffen. Und dann wären da noch die streng geheimen Dokumente, nicht wahr? Spannend das alles, äußerst spannend. Es könnte der Plot eines Films sein. Man hätte ihn sich ansehen können. Nur bin ich nicht man. Nicht länger. Ich bin nicht mehr da. Bin niemand. Und Sie sind willkommen. Aufs Herzlichste.

Aber keine Zeit zu verlieren. Genug verloren. Hier ist mein Gehirn, die Ärzte nennen diesen Teil Sprachzentrum. So ist das. Da kommt alles zusammen. Ballt sich. Baller baller baller bamm bamm bamm. Getroffen hat man es, dieses Zentrum. Und Sie wollen nun, dass ich berichte. Ihnen berichte und danach den Dings überreiche. Aber mit welchen Sätzen? Man hat sie mir beigebracht. Zuerst genommen und dann wieder beigebracht. Davor habe ich sie gehabt. Im Inneren gehabt, die Wörter. Wiederfinden musste ich sie, ausgraben. Dreck Dreck, jaja, Dreck drauf, viel Schmutz musste ich wegschieben, alles weg. Jeden Tag Übungen. Die Logopädin, sie heißt Frau Mlinar, nette Frau. Sehr nett. Ich muss, wenn ich will. Wenn ich sprechen will, muss ich. Aufsagen ABCDEFGHIJKLMN OPQRSTUVWXYZ, aufsagen jeden Tag. Sagt sie, muss ich. Stimmt nicht. Andere Übungen. Unbedingt täglich zu wiederholen. Die liebe Frau Mlinar. Sie hat sehr viel Geduld mit mir. Sie ist sehr nett. Ich habe sie gefragt, ob sie mit mir schlafen will, aber sie möchte lieber nicht. Stimmt so nicht. Stimmt. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben und so weiter. ABC und Wiederholung. ABC und wieder von vorne. Neinnein, eigentlich völlig andere Übungen. Aber egal. A wie Amerika, A wie Anfang. In der ersten Woche bin ich bis D wie Drohne gekommen. Jaja. Weil das wichtig ist, sehr wichtig für mich. Dieses Wort. Ein D und ein R und dann etwas, das für sich alleine stehen kann. Folgen Sie mir? Also ein D, ein R plus ohne. Denn es ist nicht nur ein Wort, sondern mein Zufall. Stimmt so nicht. Es heißt Schicksal. Stimmt.

Sie müssen wissen: Ich habe es gelernt. Auswendig gelernt. Was ich Ihnen sagen will. Sie sind willkommen. Herzlich. Heute gleich anmerken. Auswendig gelernt. Extra für Sie. Denn sonst wäre es nicht gegangen. Die Dings, die Dings, die Wörter wären nicht gegangen. Sie können nicht gehen, ich weiß. Herausgegangen über den Zungenmuskel, so meinte ich das. Speichel, immer nur Speichel, wie er rinnt aus dem Winkel auf der Seite vom Mundloch. Eklig. Schauen Sie nicht hin. Ich frage mich, ob Sie mich überhaupt hören. Sie nicken. Das ist schön. Ich freue mich großartig. Stimmt so nicht. Ich habe gesagt, Sie sollen wegschauen! Fünfzehn Grad beträgt der Winkel der Lippen. Stets geöffnet. Denn dieses Loch, es ist eigentlich im Kopf. Der Eintrittswinkel, er beträgt in etwa fünfzehn Grad. Mindestens. Oder fünfzig. Es macht keinen Unterschied. Da ist nichts mehr, wo etwas sein müsste. So. Jetzt habe ich mich. Habe mich hoffentlich passend ausgedrückt. Damit Sie mich verstehen, verstehen Sie? Kein Sprachzentrum, sondern ein Sprachvakuum. Im Dings, im Dings, im Wörterbuch habe ich nachgeschlagen unter V wie Vakuum. Ich habe es auswendig gelernt, alles, was Sie hören sollen, damit Sie es aufnehmen können, auf ihrem Dings einspeichern. Im Wörterbuch nachgeschaut. Ein Buchstabe nach dem anderen. Alles abgeblättert, jaja. Entschuldigen Sie, dass ich nicht frei reden kann. Aber es muss gesagt werden. Deshalb lernen, lernen und so weiter. Ich spreche nun das Auswendige, denn inwendig ist nicht mehr viel vorhanden. Auch der letzte Rest soll nach draußen. Deshalb sind Sie hier, oder etwa nicht? Wegen meiner Geschichte und dem Dings, den ich Ihnen geben soll. Unbedingt hergeben. Sehr herzlich willkommen.

Haben Sie eine Ahnung, wie der zuständige Oberarzt heißt? Sie haben keine Ahnung. Ich werde es Ihnen verraten: Herr Dr. Ohne, er heißt tatsächlich Dr. Ohne! Ist das nicht wahnsinnig lustig? Hihihihi, kommt aus meinem Mundloch heraus. Hören Sie es? Zuerst bohrt eine Drohne etwas in mich hinein und dann der Herr Dr. Ohne etwas aus mir heraus. Hihihihi. Ein extrem lustiger Zufall, nicht? Das Leben ist sehr lustig. Ich lache überaus gerne und viel. Wenn ich mich daran erinnere, wie es geht. Unten ohne, so stelle ich ihn mir vor, den Arzt, wenn er mit tiefer Stimme zu mir spricht. Damit seine Sätze nicht ganz so ernst wirken, wissen Sie? Bestimmt hat er große Hoden. Solch eine tiefe Stimme. Extrem große Hoden muss er haben. Wie sie beim Gehen weit ausschwingen. Hihihihi. Seine Hoden, zwei Abrissbirnen: baller baller baller bamm bamm bamm. Mensch sein heißt lachen können. Das habe ich gelesen. Deshalb versuche ich zu lachen. Obwohl es nicht mehr so gut geht. Sie hören es. Ist nicht so, wie es sein soll. Bin ein halber Mensch. Ein bisschen plemplem. Weil ich nur halb lachen kann, jaja. Das Lachzentrum, bestimmt wurde es getroffen. Vielleicht liegt das Lachzentrum im Zentrum vom Sprachzentrum. Wenn das eine futschikato ist, dann ist das andere ebenso futschikato. Der Kater Kato geht in Fuji futschikato. Hihihihi. Sie lachen. Es ist ein Witz. Er ist sehr lustig. Ich habe ihn einstudiert, extra für Sie, damit Sie lachen können. Sehr fein. Sie sind ein sehr feiner Mensch. Ich sehe das. Und Sie sind willkommen. Unfassbar herzlich.

Über meine Frau muss erzählt werden. Einzigartiges Wesen. Trifft auf jeden Menschen zu. Stimmt so nicht. Und über meine Tochter muss erzählt werden. Liebes Kind. Ganz besonders toll. Trifft auf jedes Kind zu. Stimmt. Ich habe alles auswendig gelernt, aber ich bin aufgeregt. Deshalb sage ich es nicht korrekt. Besonders herzlich. Nein danke. Und ich vergesse manches. Schon gut, schon gut. Es geschehen also Fehler beim Vorsagen. Es ist keine Vorhersage, sondern eine Nachhersage. Es tut mir leid. Ich bin plemplem. Also die Tochter. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben … völlig falsch, es ist nur ein Kind. Eine Tochter und eine Frau. So ist das. Die Angehörigen können mitgenommen werden. Nach vier Dienstjahren in Japan mussten wir weiterziehen. Diplomatenfamilie, Sie wissen Bescheid? Aber natürlich. Sie sind ein feiner Mensch, Sie wissen so etwas. In der Familie gibt es auch manchmal baller baller baller bamm bamm bamm. Nur nicht so arg. Also mit Worten. Vielleicht ist das schlimmer. Nein, ist es nicht. Wir haben eine Dings, eine Dings gesucht, eine Privatschule für die Kleine ausgesucht. Ich nenne keine Namen. Alles bezahlt. Gutgut. Geld spielt keine Rolle. Ich brauche etwas, das nicht mit Geld bezahlt werden kann. Man kann es nicht kaufen. Es fängt mit F wie Fukushima an und hört mit E wie elendige Eckschweine auf. Es müsste Dreckschweine heißen. Ich weiß. Ich bin nicht plemplem, falls Sie das denken sollten. Aber das denken Sie nicht, gerade Sie nicht. Sie sind ein feiner Mensch. Das spüre ich. Mit großem Herzen. Es ist sehr fein und sehr groß. Und äußerst herzlich willkommen.

Dass Sie mich überhaupt fragen. Ich bin sehr traurig. Stimmt so nicht. Es heißt glücklich. Stimmt. Denn auf eine Frage kann eine Antwort gegeben werden. Die Antwort, sie ist in mir drinnen, aber wie soll ich sie herauslassen? Diese eine Dings, die Dings, diese Spezialistin hat gemeint Wernicke-Aphasie, hat sie mir gesagt, das könnte ich haben. Im Schläfenlappen drinnen. Ein anderer hat gemeint Broca-Aphasie. Denn die Sätze sind eher zu kurz als zu lang. Sie hören mich. Diesmal jedenfalls Stirnlappen. Beides linke Gehirnhälfte. So ist das. Aber Herr Dr. Ohne behauptet, neinnein, keine der beiden. Oder beide. Jedenfalls ein Spezialfall. Man will kein Spezialfall sein. Als Mensch speziell, dochdoch, aber als Patient? Schädel-Hirn-Trauma, blöd gelaufen, Pech gehabt, so ein Pech aber auch. Plemplem heißt das, nicht? Aber es ist bloß meine Sprache, die nicht sprechen will. Das Denken selbst ist nicht betroffen, neinnein. Ich kann denken. Das kann ich. Zum Glück, sagt Herr Dr. Ohne, habe ich keine globale Aphasie. Da wäre dann nur noch dada im Schädel. Nicht die Kunstbewegung, sondern das Wort, versteht sich von selbst. Dadadada, sagen die global Betroffenen. Dadadada. Und Dings sagen sie, immerfort Dings, Dings, Dings: Ich habe irgendwo das Dings verloren, wo hast du denn das Dings im Dings hingelegt und so weiter. Peinlich. Weil denen die richtigen Dings nicht mehr einfallen.

Aphasie, haben Sie eine Ahnung, was das bedeutet? Übersetzt heißt es Sprachgewitter. Stimmt so nicht. Es heißt Sprachlosigkeit. Stimmt. Ich habe nachgefragt, extra für Sie, zuerst nur für mich und dann nur für Sie. Herr Dr. Ohne sagt, ich soll mich nicht aufregen. Aber ich will mich regen, will erregt sein, mich zuerst aufrichten und dann aufregen. Vorher durfte ich das nicht. Bei meiner beruflichen Tätigkeit. Immer ruhig bleiben, immer die Dings, die Dings, die Contenance wahren. Ich mag das Wort. Es ist mir geblieben. Vom Leben davor. Ist mein Job gewesen. Ruhe auszustrahlen. Heute hingegen möchte ich am liebsten aus der Haut fahren. Entschuldigen Sie meine Empörung. Ich soll mich nicht, Sie wissen schon. Aber ich muss. Ich kann nicht davon berichten, ohne sie zu verlieren, die Dings, na, diese Dings, die Contenance, verflucht noch mal! Ich muss sie verlieren, weil ich mich verloren habe, und wenn nichts mehr da ist, ist alles bei Ihnen, aufbewahrt in ihrem Gerät, das mich aufnimmt. Da bin ich dann drinnen. Es nimmt mich ganz und vollkommen in sich auf. Und erst wenn es mich ausschüttet, in die sozialen Netzwerke gießt, bin ich wieder vorhanden. Herzlichen Dada. Es heißt Dank. Ich weiß. Das war ein Witz. Hihihihi. Ich bin sehr lustig.

Also. Zuerst die grässliche Geschichte, dann der Datenstick. Sie stehen auf grässliche Geschichten, schätze ich Sie richtig ein? Sie müssen nicht den Kopf schütteln. Ich erkenne die wahre Wahrheit, wenn ich sie erkenne. Nun, einkaufen sind wir gefahren. Die ganze Familie. Dieser eine Markt etwas außerhalb von Islamabad. Er ist klein, aber dafür umso schöner. Bessere Waren auch. Und nicht überlaufen. Jaja, ein niedliches Dorf, Geheimtipp von einer Freundin. Darf ich Ihnen nicht nennen. Nur so viel, es liegt weit ab vom Schuss, obwohl es sich, wie sich später herausstellte, ganz genau exakt im Schuss befindet. Gut im Schuss. Exakter Schuss von der Atomics MQ-9 Drohne, Reaper genannt, habe ich erfahren, nicht Raper, neinnein, obwohl es genauso gut passen würde. Steht alles im Dokument. Sie werden es lesen. Alles am Stick gespeichert. Die Hellfire-Rakete exakt abgeschossen, ihre Flugbahn berechnet und doch unberechenbares Höllenfeuer, versteht sich von selbst. Gesteuert von Übersee aus. Militärbasis in der Nähe von Las Vegas, mitten in der Wüste von Nevada. Sie wissen das. Creech Air Force Base, so heißt sie. Und Ramstein agiert als Relaisstation, liegt in unserem schönen Nachbarland. Ich langweile Sie.

Entschuldigung. Ich halte Sie nicht für plemplem, falls Sie das denken sollten. Jedenfalls. Drüben sitzt jemand am Steuerknüppel. Kein Krüppel wie ich. Ein Soldat. Ein echter Mensch. Sitzt in einem unscheinbaren Container. Tut nur seine Pflicht. Und abgesegnet vom Präsidenten. Alles abgesegnet von oben herab. Alles total echt. Steht im Dokument, falls Sie mir nicht glauben. Sie werden es lesen. Der Befehl zu schießen: baller baller baller bamm bamm bamm. So hat es gemacht. Ganz, ganz laut in den Ohren. Drommetenrot in den Augen. Hand in Hand sind wir spaziert. Ich sollte Namen nennen. Ich darf das. Verena links von mir, so heißt meine Frau, und Marie, meine Tochter, rechts von mir. Vielleicht war es umgekehrt. Neinnein, war es nicht. Wie beschrieben ist es gewesen. Exakt genau so. Verena links, Marie rechts. Sicherlich bestimmt. Nehmen Sie das alles auf? Gutgut. Es ist wichtig, weil es wichtig ist. Bumm. So hat es dann gemacht. Baller baller baller bamm bamm bamm, sehr sehr laut. Funkenfeuer, Rauch und dreckiger Dreck. Sind durch die Luft geflogen. Ich soll es nicht erzählen, sagt der Arzt, denn es regt mich anscheinend auf. Aber ich muss. Weil der Staub und die Dings und das Geschrei. Das vergisst man nicht, auch wenn man danach ein anderer ist. Und die süßen Waren überall verstreut. Kann man nicht mehr verkaufen, die Waren. Zerfetzt. Völlig hin. Und da sehe ich, nicht weit von mir entfernt, auch ein Mensch zerfetzt, völlig hin. Womöglich das sogenannte Zielobjekt. Bestimmt ein Dings, ein Dings, ein Terrorverdächtiger. Oder kein Verdächtiger, neinnein, vielleicht ein Terrorist. Fürs Militär gibt es keinen Unterschied. Anhand von Metadaten werden Menschen getötet. Die rechnen sich das aus. Steht alles im Dokument. Eine Eins bedeutet überleben, eine Null bedeutet … nun, Sie können es sich vorstellen. Ein Mensch kann auch ein Objekt sein, jaja, Ziel und Objekt in einem.

Muss weiter gesagt werden. Menschen haben geschrien. Andere haben geholfen. Auch Ersthelfer werden bisweilen getötet, nein, ermordet, das ist das richtige Wort. Ein nachfassender Angriff, so wird es genannt. Da bricht eine weitere Rakete durch die Wolkendecke. Kein Erbarmen. Rauch, Rauch, Rauch überall. Und dieser Gestank nach verbranntem Fleisch. Doch die Hände habe ich gespürt. Links die Hand von Verena und rechts die Hand von Marie. Oder war es umgekehrt? Neinnein. So hören Sie doch zu! Ich habe Ihnen bereits gesagt, wie es gewesen ist, Sie verdammtes … na, Sie wissen schon … neinnein, bitte entschuldigen Sie. Seit Neuestem verliere ich manchmal die … und das, obwohl ich … besonders extra leid. Es ist wegen der Aufregung. Ich muss Ihnen nichts erklären. Das Handy meiner Frau war seit dem Vortag kaputt. Und meines vergesse ich obendrein zu Hause! Gerade an diesem Tag. Gerade zu jener Stunde. Keine gute Idee. Zu spät sind wir draufgekommen. Erst als Marie mit dem Dings spielen wollte. Aber wird schon nichts passieren. Was soll denn großartig passieren? Weiterfahren, hat Verena gesagt. Einfach weiterfahren. Und dann auch noch ohne Chauffeur unterwegs zu sein. Stellen Sie es sich vor! Wie dumm von uns. Schlechter Zufall. Das hätte uns nicht zufallen dürfen. Kein GPS Signal. Fürs Militär waren wir nicht länger ortbar. Auf ihren verpixelten Bildschirmen, wie unscheinbare Zivilisten haben wir ausgesehen, neinnein, wir waren nicht unscheinbar, wertlos waren wir. Denn ich habe sie gespürt nach dem ganzen Bamm-baller-baller-bamm-baller-baller-bamm-Bamm, die Hände, ich habe sie gespürt. Links die große Erwachsenenhand, rechts die kleine Kinderhand. Die Leute ringsum haben geschrien und gejammert. Außer die, die tot waren, versteht sich von selbst. Und ich ganz ruhig. Oder der, der ich einmal gewesen. Verena und Marie auch ruhig. Alle sehr sehr ruhig. Immer die Dings, Sie wissen schon, die Dings wahren. Haben die beiden sich von mir abgeschaut. Das mit der Dings. Und ich weiß es schon. Obwohl ich plemplem bin, völlig plemplem. Ich kapiere schon, so ist das nicht. Dass die Hände so leicht sind. Genau genommen ist es nur links leicht, rechts hingegen ziemlich schwer, obwohl es umgekehrt sein müsste. Das kann doch nicht sein, denke ich mir. Und denke es nicht. Aber ich lasse sie mir nicht nehmen, meine Familie. Lasse ich nicht. Würden Sie lassen? Neinnein, würden Sie nicht. Denn Sie sind ein feiner Mensch. Sehr herzlich willkommen und sehr fein.

Und nun, bitte … bitte machen Sie einfach, dass Sie es hochladen. Nehmen Sie den Stick. Bitte nehmen Sie ihn. Es sind die Daten eines Freundes. Er ist vom Militär. Mehr sage ich nicht. Keine Namen. Ich verspreche mich nicht. Das habe ich ihm versprochen. Bald weiß ohnehin jeder, wer er ist, aber dann ist er nicht mehr hier, ist weit weg, längst über alle Dings. Und den Inhalt, ich habe ihn gesehen. Das sage ich Ihnen. Viele Dokumente, großartige Zahlen. Alles, was Sie wissen müssen. Alles gespeichert. Von etlichen Angriffen, obendrauf zu lesen in den Dokumenten. Hat er mir gesagt. Dass ich nur Kauderwelsch verstehe. Sie hingegen. Sie werden es entschlüsseln. Das können Sie. Deshalb sind Sie hier, weil Sie es können. Und doch stöhnen Sie. Ich höre es. Sie interessieren sich nicht für mein Gelaber. Tun Sie nicht. Das sehe ich. Sie finden, mein Blabla muss nicht sein. Meine Geschichte, die brauchen Sie gar nicht, habe ich recht? Sentimentale Scheiße. Sollte verfilmt werden, zu mehr taugt das nicht. Es geht Ihnen um die Dokumente. Deshalb hören Sie mir zu. Nur deshalb. Und ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Weil alles hochgeladen werden muss. Auf diese Dings, diese Plattform. Auch wenn das Internet dem Militär gehört. Das Schicksal der Ironie, so sagt man doch, nicht wahr?

Und es stimmt schon. Ich bin nicht so wichtig. Ich bin ja genau genommen nicht einmal mehr da. Wegen den anderen muss es sein. Wegen all jenen, die noch laut aufschreien werden oder leise stöhnen. Und damit sind nicht die Terroristen gemeint, neinnein, ich spreche von den Dings, von all den Unschuldigen, von den Zivilisten, den Frauen und den Kindern, von den Kindern und den Kindern. Und dann spreche ich noch von den Kindern und den Kindern. Und von den Kindern. Deshalb müssen es die Menschen wissen. Alle müssen alles wissen. Da frage ich mich schon, wie der Präsident das so macht. Gibt er ein Zeichen mit dem Kopf? Ein leichtes Nicken? Genügt das? Der Befehl wird weitergeleitet und die Piloten machen bamm baller baller bamm baller baller bamm bamm. Sie tun bekanntlich nur ihre Pflicht. Sind nicht verantwortlich. Es ist wie bei einem Videospiel. Von dort werden die jungen Piloten rekrutiert. Kein Scherz. Obwohl ich sehr lustig bin. Hat man online genug Kills, dann melden sie sich bei dir. Bieten dir einen Job beim Militär an. Mit viel Ehre fürs Vaterland und so weiter. Nach getaner Arbeit fahren die männlichen Männer nach Hause zu ihren Familien. Untertags spielen sie Krieg in einem Container und am Abend gehen sie grillen. Nachdem sie Menschen gegrillt haben, da schmeckt das Steak besonders gut. Da fickt es sich am besten. Zuerst mit der Hellfire-Rakete penetrieren, dann mit der Penisrakete. Außer man bekommt eine Orgasmusstörung. Stimmt so nicht. Es heißt Belastungsstörung. Stimmt. Soll bei den besten Soldaten vorkommen. Schleicht sich von hinten an. Posttraumatisch. Und das bei all dieser Geilheit! Unter uns gesagt: Es ist nicht so, dass ich nicht auch geil wäre. Manchmal sehr besonders sogar. Aber die nette Frau Mlinar, sie möchte lieber nicht. Vielleicht wegen des Speichels. Vielleicht darf sie nicht. Es ist jammerschade.

Der Präsident jedenfalls, muss er seine Unterschrift auf ein geheimes Dokument setzen? Vielleicht sagt er so etwas wie: In Ordnung!, oder er sagt: Macht es!, oder: Es muss getan werden!, oder: Wer, wenn nicht wir?, oder: Ab mit dem Kopf! Natürlich sagt er das alles auf Englisch, versteht sich von selbst. Er hat ja nur wollen, dass es gut ausgeht. Dass nur die getötet werden, die unbedingt getötet werden müssen: die bösen Menschen. Und ich sage Ihnen. Sie können die Daten sooft auswerten wie Sie wollen. Das können Sie. Das müssen Sie sogar. Aber die Ziffern, sie haben nichts damit zu tun, nichts mit mir, nichts mit niemandem. Und schon gar nichts mit dem Sterben. Wenn ein Leben ausgedrückt wird. So etwas kann nicht in Zahlen ausgedrückt werden. Eigentlich nicht, nein. Keine Zahlen vorhanden für das Gekreische und das Geplärr und das Leid und die Wut und die Trauer und den Hass. Im Dokument nur zwei beschissene Einser zu viel. Verena, das muss ich Ihnen sagen, sie ist kein böser Mensch, nicht böse gewesen. Auf mich manchmal durchaus, ja, aber ansonsten lieb. Sehr lieb. Und Marie wäre keine Dings, keine Dings, na, keine Scheißterroristin geworden! Sicherlich nicht. Sie nicken. Das ist nett. Aber man kann nie wissen, nicht wahr? Dass wir die ersten Europäer waren, die getroffen wurden, unabsichtlich getroffen. Man hat sich bei mir entschuldigt. Natürlich im Geheimen. Niemand sonst weiß davon. Bis jetzt. Großartige Entschuldigung. Wie konnte das nur und so weiter. Fruchtbarer Fehler. Stimmt so nicht. Furchtbarer Fehler. Stimmt. Und dann plötzlich die Frage, warum ich mich denn bitte nicht rasiert hatte. Das wollte der Typ vom Militär tatsächlich von mir wissen. Sicherlich wäre so dem Piloten aufgefallen, dass ich keiner von denen. Aber wo gehobelt wird, fallen bekanntlich Dings. Und wie dumm von mir, dass ich das Handy! Gerade ich? Gerade an diesem Tag. Gerade zu jener Stunde. Bald stand das Wort Eigenverschulden im Raum. Das hätte ich mir alles selbst eingebrockt. Nun gehe es darum, still zu sein. Das angebotene Geld anzunehmen. Mich leise aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. Die diplomatischen Beziehungen, die wirtschaftlichen Verflechtungen, das alles könne man doch nicht aufs Spiel setzen. Wozu vor zwölf Jahren meine mühsame Ausbildung, wozu die Gefahrenzulage für Pakistan, wenn ich nun nicht die Kraft hätte, die Dings, die Dings, die Contenance zu wahren?

Entschuldigen Sie, aber da frage ich mich schon, was Sie eigentlich von mir wollen. Ach ja, den Stick. Herzlich willkommen. Und dass ich Ihnen berichte von dem Vorfall. Können wir gleich beginnen? Keine Zeit zu verlieren. Genug verloren. Denn offiziell, so wollen es die Befehlshaber doch haben, so hätten sie es gerne, dass offiziell überhaupt nichts vorgefallen ist. Aber ich bin nicht deren Dings, sicherlich nicht. Nehmen Sie das alles auf? Gutgut. Dann werde ich nun schweigen. Stimmt so nicht. Es heißt sprechen. Stimmt.


ursprünglich erschienen bei VOLLTEXT für das Projekt "Hier und Heute - Positionen österreichischer Gegenwartsliteratur".


Norbert Kröll, geb. 1981 in Villach, lebt und arbeitet in Wien und Mödling. Sprachkunst-Studium an der Universität für angewandte Kunst Wien. Mitherausgeber des Literaturmagazins JENNY #2 (De Gruyter). Forum Land Literaturpreis 2017. Jubiläumsfonds-Stipendiat der Literar-Mechana 2018. Förderpreis für Literatur des Landes Kärnten 2018. Dritter Preis beim Feldkircher Lyrikpreis 2019. Wiener Literatur Stipendium 2016 & 2020. Buchprämie der Stadt Wien 2020 für Wer wir wären. Theodor-Körner-Preis 2020. Veröffentlichungen in Literatur-Zeitschriften und Anthologien (LICHTUNGEN, Die Rampe, etcetera, DUM …) Der Debüt-Roman Sanfter Asphalt erschien 2017 im Löcker Verlag. Der Roman Wer wir wären erschien im März 2020 in der Edition Atelier.


„Hier und Heute – Positionen österreichischer Gegenwartsliteratur” ist ein Gemeinschaftsprojekt von Gerhard Ruiss, Thomas Keul und Claus Philipp und den beitragenden Autorinnen und Autoren. Die Texte der Serie erscheinen wöchentlich, jeweils am Freitag, und können auch als Newsletter abonniert werden. „Hier und Heute – Positionen österreichischer Gegenwartsliteratur” wurde auf Initiative von Claus Philipp durch Spenden für den Lesemarathon Die Pest von Albert Camus des Wiener Rabenhof Theaters und des ORF-Hörfunksenders FM4 im Frühjahr 2020 ermöglicht. Die Reihe wird von der Stadt Wien aus Mitteln der Literaturförderung unterstützt.